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Gespräche



 12.12.2025 - Interview mit Literaturstipendiat Gregor Locher 



Autor Gregor Locher

Gregor Locher, Jg. 1984, hat seine Magisterarbeit über Jane Austen geschrieben und für Google gearbeitet. Er ist begeisterter Leser und insbesondere in der angelsächsischen Literatur, von der Gothic Novel bis zur Gegenwart, zu Hause. Neben diversen Veröffentlichungen in Anthologien hat er mit „Käthe“, einen bisher ungedruckten Familien- und Heimatroman vorgelegt und arbeitet derzeit an seinem zweiten Roman „Hier unten leuchte ich“, für den er jetzt mit dem Münchner Jugendliteraturstipendium ausgezeichnet wird: „Seine Hauptfigur, der 16-jährige Anton sucht in der schwäbischen Provinz um die Jahrtausendwende seinen Platz in der Welt und stellt sich den großen Sinnfragen. Ein Kuss mit dem schönen Cosimo von Leuchtenfels hat sein Leben verändert. Ist das Liebe, was er für ihn empfindet? Und wenn ja, hat diese Liebe eine Zukunft? … Ein Austauschjahr in den USA soll für Abstand sorgen. In Colorado lernt er dabei vor allem eins: Vor seinen eigenen Gefühlen kann man nicht davonlaufen“.

Hallo Gregor, hier im Literaturhaus wird Dir heute für Dein Romanprojekt „Hier unten leuchte ich“ feierlich das mit 8000 Euro dotierte Münchner Literaturstipendium verliehen. Unseren herzlichen Glückwunsch!

Du hast Dich für ein Belletristik-Stipendium beworben, aber dann das einzige Jugendliteraturstipendium ergattert?
Ich lese sehr gerne Jugendliteratur und Young Adult-Bücher. Ich hatte mich auf die Romankategorie beworben, weil ich meinen Roman eher mit junger Literatur wie "Die Mitte der Welt" oder "Hard Land" vergleichen würde als mit reiner Genre-Literatur. Vor allem letzteren dürfte man auch eher nicht im YA-Regal finden. Tatsächlich dachte ich beim Plotten des Amerika-Teils auch eher an Evelyn Waughs "A handful of dust" als z.B. an das schon klassische Jugend-Roadtrip-Buch (wie z.B. "Tschick" von Herrndorf). Bei Waugh gibt es einen extrem krassen Cut bzgl. des Schauplatzes, der den Roman aus meiner Sicht so großartig macht, weil er eigentlich nicht funktionieren sollte, und es gerade deswegen tut. Und gleichzeitig mit allen Erwartungshaltungen der Leser:innen bricht. Für „Hier unten leuchte ich“ ist der Wechsel in die endlose, etwas öde Weite Colorados geradezu existentiell.

Die Jury des Münchner Literaturstipendiums lobt besonders Deine Umsetzung des „Coming-of-Age“-Genres: „Der Roman nimmt das Gefühlschaos junger Menschen ernst. Anton möchte raus: aus der Zuschreibung von sexueller Normierung, aus der Enge der Dorfgemeinschaft und weg von den Erwartungen der anderen“.
Du hast ja seit Deinen Anfängen über homosexuelle Identitätssuche geschrieben, dabei lesen sich die ersten sexuellen Erfahrungen homosexueller Jugendlicher bei Dir eigentlich gar nicht so viel anders als wir sie für Heteros kennen, oder? Du betonst die Ambivalenz, etwa die plötzliche Entzauberung nach dem ersten Sex. Und stellst die Frage nach dem persönlichen Umgang mit etwas ausgefalleneren Wünschen des Partners, gerade wenn es die erste große Liebe ist. Ähnlich übrigens wie der viel diskutierte Romanerfolg Lázár von Nelio Biedermann.

Die ersten sexuellen Erfahrungen sind tatsächlich wahrscheinlich ziemlich ähnlich: Messy, aufregend, geil. Aber ich glaube doch, dass das Erleben drum herum, also das Aufwachsen als Homosexueller in einer heterosexuell normierten Gesellschaft bis heute mit Schwierigkeiten verbunden ist, denen andere Gleichaltrige eben nicht ausgesetzt sind. Insbesondere in der Schule und auf dem Land.
... Wobei ich doch hoffe, dass sich vielerorts die Vorurteile mittlerweile zumindest etwas zurückgezogen haben.

Noch Mitte der 2000er hast Du mit der unverhüllten Darstellung von Analverkehr auch eine Absage für einen Anthologiebeitrag bekommen.

Hehe, ja, das Buch wurde gesponsert von einer großen lokalen Rückversicherung, die das ihren Kunden nicht zumuten wollte - das Buch sollte ein Weihnachtsgeschenk sein. Stattdessen habe ich auf die Schnelle eine Kurzgeschichte über eine alternde Schlagersängerin geschrieben, die ihren Mann zu Hackbällchen verarbeitet. Die ging dann durch. So viel dazu…

Wie beurteilst Du den derzeitigen Megaerfolg von „Diversität“ auf dem Buchmarkt? Guter Hype?

Ja, absolut, bitte mehr spannende Geschichten von interessanten Stimmen! Sonst sieht\'s in der Literatur auch bald aus wie im öffentlich-rechtlichen Nachmittagsprogramm.

Neben Deiner spezifischen Interpretation des Genres „Coming-of-Age“ wird von der Jury gerade deine eigene Sprache gelobt, die die Gefühle auslotet und festhält. Es heißt in der Jurybegründung auch: Sensibel und mit Humor nähert er sich seinen Charakteren an“. War hierfür auch Deine Experimente mit lyrischen Ausdrucksformen hilfreich?
Kurz und knapp: Nein :) Die Gedichte, die in Alexa Hennig von Langes Band „I love you/I don‘t love you“ aufgenommen wurden, waren für mich eher eine Gelegenheitsarbeit, auch wenn sie natürlich wieder um die Liebe kreisen. Ein eigener Flow ist mir wichtig, der entsteht beim Schreiben fast automatisch. Ich versuche auch ein direktes Erleben mit der Figur zu ermöglichen – ohne eine weitere Erzählerperspektive, aber die eigene Autorenstimme schwingt natürlich immer mit. Vor allem, was den Humor betrifft. Ich glaube, da ist doch einiges an Ironie von meinen britischen Vorbildern, insbesondere meiner absoluten Favoritin Jane Austen hängen geblieben.

Dürfen wir uns im Rahmen der Preisverleihung auch auf eine Lesung aus Deinem neuen Roman freuen?
Auf jeden Fall, alle Stipendiat:innen lesen eine einschlägige Passage aus ihren ausgezeichneten Texten. Ich durfte auf der Vorbesprechung schon die meisten davon hören und muss sagen, die Jurys haben wirklich tolle Arbeit geleistet.

In München bist Du kein ganz Unbekannter, warst ja schon ein paar Mal live auf der Bühne, unter anderem bei den „Wortspielen“. 2009 konntest Du beim „10 Jahre-Manuskriptum-Jubiläum“ in der Aula der LMU neben den „prominenten“ Absolvent:innen, darunter Fridolin Schley, Thomas von Steinaecker und Lena Gorelik, zusammen mit anderen ausgewählten Jungautor:innen die aktuellen Jahrgänge dieses Creative-Writing-Seminars repräsentieren. Wie erinnerst Du dich an diese Lange Nacht der jungen Literatur?

Es motiviert mich immer, meine Texte öffentlich vorzustellen, egal ob im großen oder kleinen Rahmen – die Münchner „Kellergeister-Lesungsreihe“ fand ich zum Beispiel wirklich großartig, eine spannende Mischung aus neuen und etablierten Stimmen und ein intimer Rahmen. Die Manuskriptum-Gala war die letzte große Lesung zu meinen Studienzeiten, als ich dann begann zu arbeiten, gab es über viele Jahre keine mehr.

Und wie wichtig war der literarische Austausch mit den anderen ‚Manuskriptlern‘ für Dich? Steht ihr noch im Kontakt?
Nun jede/r von uns hat ja sein eigenes „Ding“ gemacht, aber gerade die Vielseitigkeit wirkte belebend, der dauernde Perspektivwechsel in den Sitzungen. Über die Jahre ist der Kontakt leider abgebrochen, aber ich habe immer mal wieder mit Freude gehört, dass die ein oder andere es geschafft hat, ein Buch zu veröffentlichen - etwa aus meinem Jahrgang die Romandebüts von Katharina Eyssen „Alles Verbrecher“ (2011 bei btb) und Inge Kutter „Hippiesommer“ (2016 im Arche Verlag).

Manuskriptum, der Kurs für kreatives Schreiben an der LMU München, der Vorgänger der heutigen Bayerischen Akademie des Schreibens, hat Dir also wichtige Impulse gegeben. 2006/7 hast Du am Kurs, geleitet von der renommierten Münchner Autorin Keto von Waberer und dem Verlagslektoren Hans Christion Rohr teilgenommen. In Berlin hast Du auch eine Schreibakademie besucht? Auch angesichts Deines Erfolgs liegt die Frage liegt nahe: Kann man Schreiben lernen?
Ich war eineinhalb Jahre Teil des XIX. Jahrgangs der Schreibhain-Autorenschule in Berlin. Im Mai war aber leider Schluss, auch da mit einer großen Abschlusslesung. Ich bekam dort wichtige Impulse, so ist "Hier unten leuchte ich" aus einer Schreibübung während des "Romance" Wochenendes entstanden - das Spiel mit Klischees ist also durchaus gewollt im Text. Man kann also sicher das Handwerk lernen und ein Schreibkurs mit regelmäßiger Anwesenheit und Hausaufgaben nötigt einem auch Disziplin ab - vor allem ohne letzteres geht es dann doch nicht, Talent hin oder her. Nicht jeder Architekt konstruiert ein Meisterwerk, aber wenn das Haus nicht in sich zusammenkracht, ist das trotzdem schonmal nicht schlecht.

Schreiben lernen heißt ja nicht nur das Handwerk lernen. Was hast Du seit dem Münchner Schreibkurs gemacht? Wir wissen von Dir, dass Du ein Weltenwanderer mit jahrelangen Aufenthalten in London, Paris und Dublin (gewesen) bist ...?

Ich habe nach meinem Literaturwissenschaftsstudium eine ganz andere Richtung eingeschlagen und bin zu Google nach Dublin - Online Marketing und Vertrieb. Dieser Welt - der Tech-Welt und der großen weiten - bin ich bis auf ein Schreib-Sabbatical auch treu geblieben, und arbeite jetzt als Innovation Advisor am dänischen Konsulat in München. Aber ja, meine „Lehr- und Wanderjahre“ möchte ich als Autor natürlich nicht missen.

Thematisch fällt auf, dass Deine Hauptfiguren - häufig Ich-Erzähler - nicht selten vom Land in die Stadt gehen? Nach dem Motto „Stadtluft macht frei“, aber dem Stadtleben dann doch mit eher gemischten Gefühlen gegenüberstehen – auch und gerade als „der vom Land“. Sind dies auch Deine persönlichen Erfahrungen?

Lustig, dass du das fragst. Als ich während der Schulzeit daheim auf dem Land lebte, wollte ich vor allem weg, raus - genau wie Anton, der Held meines Romans. Je älter ich werde, desto mehr könnte ich mir aber wieder vorstellen zurückzuziehen - und habe das während Corona auch für zwei Jahre gemacht. So komisch es vielleicht klingt, ich glaube ich musste alt genug werden fürs Landleben - und genügend Distanz dazu gewinnen.

Dein noch unveröffentlichter Roman „Käthe“ erzählt zwar von einer Auswanderin in die Neue Welt, die aber zurückkehrt in die alte Heimat, aufs Dorf, in die schwäbische Provinz…?
Ja genau, "Käthe" erzählt ebenfalls die Geschichte eines Ausbruchsversuchs und einer Rückkehr - allerdings siebzig Jahre früher. Es ist also offenkundig ein Thema, zu dem ich immer wieder zurückkehre. Wobei auch bei der Käthe unglückliche Liebeserfahrungen im Zentrum stehen - wieder eine Parallele.

Käthe“ ist ja nach einer Vielzahl von Veröffentlichungen Dein erster großer Roman, der – noch unter dem Titel „Am Ende der Vergangenheit“ - mit dem Arbeitsstipendium des Förderkreises der Schriftsteller:innen in Baden-Württemberg ausgezeichnet wurde, und „verlagsreif“ ist, aber noch in der Schublade liegt. Suchst Du gerade eine Literatur-Agentur?
Ich bekam zwar durchaus positive Rückmeldungen, aber leider keinen Vertrag. „Den Roman zu lesen, sei wie in einem Familienalbum mit Aufnahmen in Sepia zu blättern." Das fand ich als Feedback ganz schön, für einen Debütroman ohne Connections in der Szene braucht es aber dann doch etwas mehr. Darum wollte ich mit "Hier unten leuchte ich" den Spannungsbogen deutlich anziehen. - Das Jugendbuch-Stipendium lässt mich auf jeden Fall hoffen.

Wir unterhalten uns hier ja für „Bücher & mehr“ – den Förderverein der Münchner Stadtbibliotheken, die in ihrer „Vision 2025“ einmal mehr ihren Auftrag für die Vielfalt der Menschen in München betont. Klingt gut, aber was wünscht Du dir darüber hinaus von der (öffentlichen) Bibliothek der Zukunft?
Gute Frage, ich glaube tatsächlich fast das Gegenteil der klassischen Bibliothek, mit der ich aufgewachsen bin, in der man still sein musste, eine Literaturkirche quasi: Lauter, bunter, interaktiver, ein Ort, der den Austausch fördert - mit und über Bücher - anstatt nur allein darin.

Du hast Amerikanistik studiert: Von den „banned books“ in amerikanischen Bibliotheken hast Du sicher schon gehört? Eine Zensur, die eben auch „diverse Literatur“ im weitesten Sinne betrifft?
Tatsächlich kommt ein derartiges "banned books"-Regal im Amerikateil des Romans auch vor. Meine Empfehlung wäre, einfach mal online nach den "most banned" Büchern zu suchen. Diese Liste kann man eigentlich bedenkenlos empfehlen - tolle Bücher, die zum Nachdenken anregen, kostenlos kuratiert von den sogenannten Kulturkriegern (die wahrscheinlich selbst nur ein paar Passagen gelesen haben). Wenn „Hier unten leuchte ich“ eines Tages auf einer solchen Liste landet, habe ich alles richtig gemacht!

Wie weit bist Du schon mit Deinem Projekt „Hier unten leuchte ich“? Wie geht es weiter mit Anton?
Ich bin mit rund der Hälfte fertig, knapp zweihundert Seiten (kürzen kann man immer) - Anton hat sein erstes Halbjahr in den USA geschafft - und musste sich nun bereits von der zweiten Liebe seines Lebens verabschieden … wobei die erste vielleicht doch noch in der Heimat auf ihn wartet …

Klingt ja fast nach einem Happy End! Wir wünschen Anton und seinem vielversprechenden Schöpfer jedenfalls weiterhin ein glückliches Gelingen!

Das Gespräch führte Eveline Petraschka am Tag der Preisverleihung 10.12.2025


©Eveline Petraschka 2025 (Text)
©Muhammad Phaseeh ul Haque (Bild)