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Gespräche



 24.02.2026 - Das Gespräch mit Peter Probst 



Autor Peter Probst

Peter Probst schreibt Drehbücher und Romane mit Spannung, Witz und Tiefe. Dafür wurde er mit zahlreichen Auszeichnungen bedacht. Seit 1994 ist er auch als Gastdozent an verschiedenen Film- und Fernsehakademien tätig. Nun ist sein neuestes Buch, ein Kriminalroman, „Am helllichten Tag“ im Heyne Verlag erschienen. Hier, in der schönen Stadt München trafen Steffi M. Black und Elke Funke von Büchern & mehr e. V. den Autor zu einem Gespräch im Café Hüller.


Herr Probst,
in München läuft zurzeit im Lenbachhaus eine Ausstellung: „Was zu verschwinden droht, wird Bild“. Sie haben einen aufregenden Krimi über das „Verschwinden“ geschrieben, inspiriert von einer Notiz aus den 1960er Jahren über ein bis heute ungeklärtes Verschwinden von drei Kindern. In Ihrem Buch spüren Sie der Frage nach, was damals passiert sein könnte.

Ich muss Sie korrigieren, der Anlass war kein Zeitungsartikel. Bei einem der Schreibworkshops, die ich regelmäßig mit meiner Frau Amelie Fried gebe, stammte die Veranstalterin aus Pirmasens. Sie erzählte von den Kindern, von der Stimmung damals in der Stadt. Über sie bin ich zu dieser Geschichte gekommen, und dann begann meine Recherche. Es war ein biographischer Zufall, dass ich auf das Thema gestoßen bin.

Je tiefer Sie in die Materie eindrangen, wie ging es Ihnen dabei?
Es ist ein ungeklärtes Verbrechen. Das hat immer etwas Beunruhigendes. Als Drehbuchautor bin ich gewohnt, dass ich meine Krimis zu einem guten Ende bringe. Dieser Fall blieb in der Realität, aber auch in meinem Krimi, ungelöst. Meine Gedanken kreisten um die Kinder. Ich bin Vater von zwei Kindern und habe mir vorgestellt, wie es ist, wenn plötzlich ein Kind weg ist, man hat keine Information, keinen Brief, keine Leiche, nichts. Das muss entsetzlich sein, es hat mich sehr mitgenommen.

Sie mussten sich eine Geschichte ausdenken, die als Krimi funktioniert, mit Fährten zu einem möglichen Täter oder zumindest einer Verdachtsperson.
Es gab einerseits die historische Entführungsserie, die vielleicht gar keine ist, das lasse ich offen. Zusätzlich erzähle ich einen fiktionalen Fall, ähnlich dem der verschwundenen Kinder, über ihn versuche ich eine Vorstellung vom Leiden der Opfer zu entwickeln, Empathie für die kindlichen Opfer zu erzeugen.

Können Sie etwas über diese fiktionale Geschichte erzählen?

Ein dreizehnjähriges Mädchen verschwindet von einem Tag auf den anderen. Die Mutter meint, sie übernachte bei einer Freundin. Es gibt kaum Spuren. Die polizeilichen Ermittlungen laufen in die falsche Richtung. Ich erzähle das zum Teil aus der Perspektive des Mädchens. Diesmal habe ich mich getraut, mir zwei weibliche Identifikationsfiguren zu erschreiben. Einmal die 33-jährige Journalistin und dann das entführte Mädchen.

Aus der Erzählung Ihrer Bekannten ist ein Krimi entstanden. „Am helllichten Tag“ hat viele Geheimnisse, die will die Protagonistin des Buches aufdecken. Sie kommt zur Beerdigung ihres Vaters widerwillig in ihre Heimatstadt zurück. Der wollte ihr, bevor er starb, noch etwas Wichtiges mitteilen, etwas beichten. Dazu kam es nicht mehr. Als ehrgeizige Journalistin versucht sie fast obsessiv, dieses Geheimnis aufzudecken – gegen viele Widerstände. Ist Ihnen diese Figur eigentlich sympathisch? Haben Sie Frauen getroffen, die zum Vorbild für sie wurden?
Ja, sie ist mir sympathisch, weil sie eine lebensnahe Figur ist – und eine Kämpferin. Sie kämpft auf den unterschiedlichsten Ebenen, um ihre Beziehung, darum sich beruflich zu etablieren, um Anerkennung und letztlich darum, ihren Vater wenigstens posthum zu verstehen und sich mit ihm zu versöhnen.

Wie so oft zitiert: Das Leben schreibt die irrsten Geschichten. Wir kennen Sie als Autor vieler Bücher, und Ihr Buch „Ich habe Schleyer nicht entführt“ ist ein Superbuch, sicher nicht nur für die Älteren, die in den 1970er Jahren jung und aktiv waren. Auch heutige junge Menschen sind neugierig auf diese Zeit. Und das Buch „Wie ich den Sex erfand“ ist köstlich. Was hat Sie zu diesen Büchern inspiriert?
Sie sind Teil einer autofiktionalen Trilogie. In Ihrer Aufzählung fehlt noch der Band „Die wilde Wut des Wellensittichs“. Der Ausgangspunkt war, dass ich, obwohl Sohn eines Arztehepaars, seltsamerweise nicht aufgeklärt wurde – ich bin in einem sehr religiösen Umfeld aufgewachsen. Als ich die ersten sexuellen Regungen gespürt habe, kam es mir tatsächlich so vor, als müsste ich da etwas erfinden, was es noch nicht gibt. So wurde ich in meiner Vorstellung der Erfinder der Sexualität. Wichtig war mir aber, dass das keine larmoyante Geschichte wird. Deswegen habe ich sie tragikomisch angelegt.

Kostet es Sie Überwindung, über heikle Themen zu schreiben?

Nein, oder ja, einerseits, anderseits. Bei unseren Workshops fordern wir immer dazu auf, auch mal schamlos zu sein. Man kann schwer Geschichten erzählen, wenn man zu diskret ist. Dann fehlt die Tiefe. Ich versuche, mir die Freiheit zu nehmen, dahin zu schauen, wo es auch mal unangenehm ist und weh tut. Zum Glück ist die Überwindung der Scham für mich nicht ganz so schwer, ich hatte immer etwas Rebellisches, habe auch gerne provoziert, mit einem Spruch oder Geschichten.

Von der Überwindung der Scham zur Zweisamkeit? Ich spiele auf Ihr Buch „Verliebt, verlobt – verrückt“ über die Ehe an. „Verrückt“ klingt ein wenig überspitzt, denn nichts spricht gegen das Heiraten, oder doch? Als Sie das Buch geschrieben haben, gab’s da für Sie auch sentimentale Momente?

Weniger bei der Entstehung des Buches als im Nachhinein. Wenn ich heute sehe, wie positiv sich die Bereitschaft, etwas zu riskieren (die Ehe), bei meiner Frau und mir letztlich ausgewirkt hat, werde ich schon manchmal sentimental. Aber in dem Buch geht es ja nicht nur um Amelie Fried und mich. Wir interviewen Menschen mit unterschiedlichen Lebens- und Bindungskonzepten.

Zurück zu Ihrem neuen Buch „Am helllichten Tag“. Sie sind zu vielen Lesungen eingeladen, auch in der Gegend des Geschehens. Will die Stadt Pirmasens den verschwundenen Kindern ein Denkmal setzen?

Im letzten Jahr ist ein Dokumentarfilm entstanden, in dem Angehörige zu Wort kommen. Er ist in Pirmasens mit großem Erfolg in den Kinos gelaufen, dazu kam ein Podcast zum Verschwinden der Kinder. Und jetzt erscheint als drittes mein Krimi „Am helllichten Tag“. Ich denke, das zeigt, dass das Geschehen für die Stadt immer noch eine offene Wunde ist.

Was ist Ihr Steckenpferd? Wenn man nach Ihnen googelt, entdeckt man einige Kinderbücher, die Sie geschrieben haben. Haben Sie nicht auch hier im Münchner Hasenbergl mit Jugendlichen Theater gemacht?

Nein. Das muss ein anderer Peter Probst gewesen sein.

Aber irgendwas war da doch?
Ich war bei der Gründung der Münchner Lichterkette dabei. Das war 1992, nach dem Pogrom in Rostock-Lichtenhagen und dem Anschlag in Mölln. Einige junge Leute aus den Medien (u.a. Giovanni di Lorenzo) haben die Münchner aufgerufen, mit einer Kerze auf die Straße zu gehen als Zeichen gegen Fremdenfeindlichkeit und Rechtsradikalismus. Aus dieser Lichterkette ist der gleichnamige Verein entstanden, in dem ich seit der Gründung aktiv bin. Wir kümmern uns um Integration, den Abbau von Rassismus. Da haben wir uns tatsächlich auch mal im Hasenbergl engagiert.

Warum haben Sie sich den Beruf des Schriftstellers ausgesucht?

Den Beruf habe ich mir tatsächlich ausgesucht, weil ich gerne erzähle. Ich liebe seit jeher Geschichten, habe sie gesammelt, aber auch erfunden. In dem Fall bleiben eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Man wird kriminell, Hochstapler, Betrüger, oder man schreibt die Geschichten auf.

Das tun Sie, und wir können sie unseren Leserinnen und Lesern nur empfehlen. Ihre Drehbücher (etwa als „Tatort“ im Fernsehen), Krimis und Romane, aber auch Sachbücher sind vielseitig und sehr lesenswert. Vielen Dank für das Gespräch.


©Steffi M.Black (Text)
©Dominik Rößler/Penguin Random House Verlagsgruppe (Bild)