Gespräche
05.07.2026 - 93-Das Gespräch mit Autor Thomas Montasser

Autor Thomas Montasser
Thomas Montasser
arbeitete als Journalist und bis heute als Universitätsdozent. Mit seiner Frau führt er eine renommierte Literaturagentur. Von ihm stammen u.a. die Romane „Ein ganz besonderes Jahr“ (Thiele) und „Freitags um fünf“ (Rowohlt), sowie Kinderbücher wie „Die Elternfernbedienung“ und „Monsterhotel“. Sein Werk wurde in viele Sprachen übersetzt. Er ist Vater von drei Kindern und lebt mit seiner Familie in München. Er liebt Swing, alte Bücher und Frühstück im Freien. Es gibt für ihn nichts Erholsameres, als ein gutes Buch zu lesen (außer natürlich: eines zu schreiben). Unter dem Pseudonym Tim Erzberg veröffentlichte er außerdem Krimis, in denen es nicht einfach nur um Gut und Böse geht.
Herrn Montasser, das neueste Buch von Ihnen hat den schönen Titel „Die Wanderbücherei.“
Wer kennt sie nicht, die Geschichte der Büchertram von Hans Ludwig Held, dem damaligen Bibliotheksleiter der „Bibliothek des Stadtrats“ (Vorläufer der Münchner Stadtbibliothek). Ab1927 fuhr eine Büchertram durch München, hielt an verschiedenen Plätzen, damit Benutzer zusteigen konnten, und Bücher wurden ausgeliehen.
Eine wichtige Person in dem Buch ist Sophie. Sie ist eine von uns, heute in den 2000er Jahren. Die Leserinnen und Leser sind dabei, wie die Restauratorin Sophie im Verkehrsmuseum in München in einer alten Tram verblichene Ausleihkarten entdeckt. Diese stammen aus der alten Tram der Wanderbücherei. Das macht sie neugierig, und sie entdeckt weiteres – den geheimen Code einer großen Liebe.
Die „Wanderbücherei“ ist Zeuge einer Liebe, die es in den 1930er Jahren nicht geben durfte. Kalt läuft es einem den Rücken runter wie die Protagonistin Vera, sie ist Bedienung im Café Luitpold, ihre Identität und ihre Liebe zu Hans verbergen muss, um sich und ihn zu schützen.
Meine Frage an Sie:
in allen Ihren Romanen ist Ihre Liebe zu Büchern zu spüren. Was brachte Sie dazu, diese Geschichte zu schreiben?
Anders als das, was Sie sagen, ist meine Beobachtung, dass viele Herrn Held und der Wanderbücherei nicht mehr kennen. Ich glaube, dass das eine der großen wunderschönen, aber fast vergessenen Geschichten unserer Stadt ist. Ich selber hatte von der Büchertram noch nie gehört, obwohl ich mich seit vielen Jahren mit Büchern in jeder Form beschäftige.
Es gab irgendwo einen kleinen Artikel in einer Zeitung, in dem über die Wanderbücherei erzählt wurde. Meine Frau hat ihn entdeckt und mir davon erzählt. Ich habe zu recherchieren begonnen und ein kleines Filmchen gefunden. Darin ist die echte Büchertram zu sehen, wie sie durch München fährt. Dann stellte sich heraus, dass es diesen Bücherwagen noch gibt. Er ist nicht verschrottet worden und existiert noch im MVG Museum. Also ging ich hin. Da stand der historische Wagen, der selbst im zerstörten München Literatur zu den Menschen brachte, in einem kläglichen Zustand.
Zitat aus dem Buch: „Denken Sie, man kann ihm wieder zu altem Glanz verhelfen?“ Gemeint ist der Wagen der Büchertram im Münchner Museum. Sie wecken Erinnerungen, dass es in München eine Büchertram gab. Heute ist es der Bücherbus, der vor Schulen steht. Herr Montasser, waren Sie aufgeregt, als Sie ins Museum gingen?
Ja, ich habe die Tram besucht und sah in ihr so viele Geschichten. Es war für mich ein berührendes und inspirierendes Ereignis, diesen echten alten Wagen zu sehen.
Das Ausleihen der Bücher zur Zeit der 1930er Jahre war oft mit Angst verbunden, denn ein „unerwünschtes“ Buch war offiziell nicht zu haben. Es gab aber Wege sie zu bekommen, doch musste man sehr auf der Hut sein, wenn das ersehnte Buch unter der Theke in der Einkaufstasche verschwand. Wie waren da Ihre Gefühle beim Schreiben dieser Szenen?
Wir nehmen es heute als selbstverständlich an, alles lesen zu dürfen, was verlegt wird. Die Freiheit der Literatur ist etwas, was wir als selbstverständlich betrachten. In der Zeit, in der meine Geschichte spielt, war es das jedoch ganz und gar nicht. Trotzdem gab es mutige Menschen, die weiterschrieben, und die, die es auch lesen wollten. Das waren Helden. Vieles war Exilliteratur, im Ausland geschrieben, teils auch im Ausland verlegt. Der Großteil der verbotenen Literatur aber existierte bereits und konnte nur heimlich geteilt und gelesen werden. Wenn man so etwas schreibt, wird einem erst richtig klar, wie groß unsere Freiheit heute ist und wie wertvoll! Wir sollten dankbar sein, dass bei uns Meinungsfreiheit herrscht, die Freiheit der Kunst und die Freiheit, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.
In Ihrem Roman dienen Bücher Vera und Hans zur Übermittlung geheimer Nachrichten. Das geschieht mittels eines Geheimcodes. Interessant. Könnten wir den heute auch benutzen, wo finden wir eine Anleitung dafür?
Der Code, den Vera und Hans benutzen, ist kein schwieriger, der Trick ist ein Vermerk auf der Ausleihkarte. Texte sind geheimnisvoll und vielfältig einsetzbar. Warum nicht daraus einen Code machen? Sie werden den Bogen schnell heraushaben.
Für Nutzer der Büchertram wurden damals Bücher auch Mittel zum Überleben. Heutzutage sind wir es gewohnt, egal in welchem Stadtteil man in München wohnt, in die nächste Stadtbibliothek zu gehen und dort beliebige Bücher auszuleihen. Vor ein paar Jahren fragte ich Sie in einem Gespräch für Bücher & mehr e.V. welche Zukunft das gedruckte Buch für Sie hat. Darf ich diese Frage erneut stellen?
Ja bitte
Und Ihre Antwort war damals, hier verkürzt:
Hoffentlich eine ganz große. Das gedruckte Buch steht sehr unter Druck, weniger durch das E-Book, als vielmehr durch den Zeitverlust. Die Menschen haben immer weniger Zeit, weil sie ständig gefordert werden, zum Beispiel auch durch soziale Netzwerke. Wenn man früher vielleicht am Tag für eine Stunde ein Buch in die Hand genommen hat, ist man heute erstmal die Stunde auf Facebook oder ähnlichem unterwegs. Das ist der Unterschied zwischen dem Medienkonsum und dem Lesen eines Buches. Das Buch hat es deshalb schwer, aber natürlich wird es überleben.
So könnte ich es heute auch wieder sagen, doch versuche ich es ein bisschen anders: Der Buchmarkt steht sehr unter Druck. Es ist kein Geheimnis, dass die Anzahl der gedruckten Bücher schrumpft, Autoren und Verlage haben es schwer. Heute ist es das Problem, Literatur sichtbar zu machen, weil es eine gewaltige Verdrängung an Aufmerksamkeit gibt: durch andere Inhalte, und zugleich eine Konzentration der Plätze, an denen überhaupt Bücher sichtbar werden. Ein Großteil der Bücher, die heute verkauft werden, werden übers Internet verkauft. Dort wird durch Algorithmen immer das erfolgreiche Buch nach oben geschaufelt, d.h. es wird sichtbar gemacht. Viele Bücher, die Sie interessieren würden, werden Sie nicht entdecken. Ohne die Leistung der unabhängigen Buchhändlerinnen und der Bibliothekarinnen, die Buchempfehlungen geben, und Sie auf dieses oder jenes Buch aufmerksam machen, würden Sie es nicht finden. Dafür verdienen sie unsere Unterstützung.
Mühelos finden Ihre unterhaltsamen Bücher den Übergang zu gesellschaftlichen Hintergründen. Wo machen Sie Ihre Beobachtungen?
Im Fall der Wanderbücherei habe ich Anleihen aus meinem eigenen Leben als Hintergrund genommen. Meine Protagonistin ist Kellnerin, das war meine Großmutter auch, mein Großvater war Eisenbahner, ebenso Sozialdemokrat wie Hans im Buch. Ich bin bei der anderen Großmutter aufgewachsen, die in jungen Jahren Dienstmädchen war. Einiges aus der Familiengeschichte spiegelt sich also in der Wanderbücherei wider. Andere Motive fliegen einem aus anderer Richtung zu, man muss eben mit offenen Augen und freiem Sinn durch die Welt gehen. Für mich ist wichtig, dass jeder Text, ob er heiter oder ernst ist, Kinderbuch oder Buch für Erwachsene, eine gewisse Relevanz hat.
Wie finden Sie die Stadtbibliotheken, die sich immer mehr zu einem Begegnungsort entwickeln und teilweise den Charakter einer Lehrbibliothek annehmen und mit dem Slogan werben: „Das ist mein Ort!“
Angesichts der schweren Zeiten, die der Buchmarkt zurzeit durchlebt, sind für mich Stadtbibliotheken ein zentraler Ort, um die Menschen immer wieder zu erinnern „Leute, lest auch mal ein Buch“. Wenn Bibliotheken alles anbieten und gewissermaßen auch die lauteren und bunteren Medien in einer mehr oder weniger gleichberechtigen Form anbieten, dann ist in diesen letzten Inseln der Literatur auch ein dramatischer Wettbewerb vorhanden. Das Buch, und das müssen wir uns klarmachen, ist das einzige Medium, das dich nicht anspringt. Alle anderen Medien springen einen an, sei es optisch oder akustisch. Was über Bildschirme läuft, ist sowieso offensiv. Bücher sind defensiv, da muss ich reinspringen. Das ist eine Kunstfertigkeit, die Menschen über Jahrhunderte gelernt haben, die uns sehr viel geben kann.
Langer Rede kurzer Sinn: ich finde Stadtbibliotheken extrem wertvoll, und wenn sie sich auch anderen Medien öffnen, ist das nicht verkehrt. Aber sie sollten es immer auch mit dem Ziel tun, Menschen, die sie auf diese Weise anziehen, auch aufs Buch zu bringen.
Kulturstaatsminister Weimer praktizierte eine Buchhandlungs-Zensur – kann sich daraus eine Buchzensur entwickeln? Müssen wir Angst vor Säuberungen haben?
Das glaube ich nicht, dass es so weit geht. Ich bin nicht begeistert von der Politik, die hier praktiziert wird. Ich halte sie nicht für eine planvolle Abschaffung des kulturellen Liberalismus, sondern ich halte sie für zu wenig durchdacht. Das ist ein Grundproblem, das wir so oft in der Politik haben, das in der Kulturpolitik zur Folge hat, dass es einen enormen Vertrauensverlust gibt. Das ist extrem beklagenswert. Ein Kulturstaatsminister müsste versuchen, die Freiheit der Kunst zu stärken, Kulturschaffende zu unterstützen, und das in jeder Hinsicht. Dass er Kritik äußert, ist legitim, er sollte aber von dem Recht der Meinungsfreiheit Gebrauch machen, nicht von seinen Möglichkeiten der politischen Einflussnahme.
Der Blick aufs Leben, von Ihnen aufs Papier gebracht, und auch in schöne Bücher gepackt, ist nicht nur vergnüglich zu lesen, man erfährt so einiges. Das tut gut. Herr Montasser, schenken Sie uns bitte weitere unterhaltsame Abende mit Ihren Büchern.
Vielen Dank für das Gespräch.
©Steffi.M.Black 2026 (Text)
©Freunde der Münchner Tram(Photo)
Thomas Montasser
Die Wanderbücherei
S.Fischer Verlag