Gespräche
01.11.2026 - Muetes

Fragen an den Autor Christoph P.Geiger
Der Autor Christoph P. Geiger ist promovierter Biologe. Nach seinem Studium und der Promotion in Virologie beschäftigte er sich nicht nur mit der Medikamentenforschung, sondern auch mit seiner Heimat, dem Allgäu, und schrieb den Roman Muetes.
Der legendäre Magnusstab, eine mächtige keltische Waffe, tritt zusammen mit Magnus und seinen Begleitern die Reise in die finsteren Allgäuer Gegenden an, um die Menschen zu Gott zu führen. Dort angekommen, stehen die Freunde auf einmal einem uralten heidnischen Übel gegenüber, das sich die Macht über die Menschen nicht so einfach nehmen lassen will.
Die Reliquien der Hl. Margarete von Antiochia werden jungen Kreuzrittern im 11 Jahrhundert überreicht. Die Wunder, die diese bewirken, sind schwer zu verstehen. Nur langsam begreifen sie, dass die damit übertragene Aufgabe erst nach der Rückkehr in ihre Allgäuer Heimat auf sie wartet.
Viele Jahrhunderte später gelangen die mächtigen Reliquien in die Hände des Fürstabts Sebastian von Breitenstein am Vorabend der Allgäuer Bauernaufstände. Mit perfider Boshaftigkeit will er sich damit die lästigen Stadtherren der Reichsstadt Kempten und am besten auch gleich noch die aufständischen Allgäuer Bauern vom Hals schaffen. Doch während der Belagerung des Schlosses Liebenthann durch die Günzburger Bauern kommt dann alles ganz anders.
Hallo Christoph,
ich halte ein umfangreiches Werk in meinen Händen: 700 Seiten dick ist Dein Roman. Alle Achtung und meinen Respekt vor der dieser Leistung. Bevor wir über Muetes sprechen, möchte ich zu gerne wissen, was bewegt Dich, was hat Dich getrieben, Deine Heimat in 700 Seiten Roman zu stecken?
Die eigentliche Motivation liegt schon lange zurück. Im Bücherschrank meiner Eltern lag eine Chronik von Obergünzburg, und mich interessierte, was in unserer Nachbarschaft passierte. Eine der Geschichten, die mich besonders fasziniert hat war die Belagerung von Schloss Liebenthann zu Zeiten des Bauernaufstandes 1525. Das Schloss wurde leider mittlerweile abgerissen. Es gibt aber noch eine instandgesetzte Mühle im Günztal zwischen Obergünzburg und Ronsberg. Die letztlich tragische Geschichte hat mich innerlich lange begleitet.
2010 bin ich der Idee gefolgt und begann über die Geschichte des Allgäuer Bauernaufstandes zu schreiben, aber ich musste feststellen, dass sich die Geschichte während des Schreibens doch mehr und mehr auf Obergünzburg und die Umgebung konzentriert hat. Und so ist sie am Ende kleinräumiger geworden, als ursprünglich mal gedacht.
Warum heißt das Buch: Muetes?
Das hat auch was mit der Chronik zu tun. Muetes ist der Begriff der wilden Jagd, die über Felder und Hügel zieht mit den toten Helden, und jeder, der nicht aufpasste, wurde mitgenommen. Aber es gab den Brauch sich davor zu schützen, und der Älteste auf dem Hof musste Hufeisen auslegen, damit man nicht mitgenommen wurde. Den Begriff hab ich nur in der Chronik gefunden und dachte, das ist der perfekte Titel, obwohl ich immer noch mit der Aussprache hadere (lacht).
Vermutlich muss das Hufeisen mit der Öffnung nach oben hängen, oder? Nein: mit der Biegung vom Haus weg auf den Boden vor Haustür und Tennentor. Und dabei sagen „Heb´s Muetes!“ - also „Halte das wilde Heer ab.“
Der Magnusstab spielt in Deinem Buch eine wichtige Rolle. Der Stab wird Magnus während einer mythischen Nacht überreicht und stammt ursprünglich von einem keltischen Helden. Du schreibst, dass das die legendäre Waffe des jungen Kloster-Novizen Magnus war. Magnus ist eine wichtige Hauptfigur in Muetes. Magnus war ein Wandermönch, der die ersten christlichen Klöster gegründet hat im Allgäu. Im Buch bleibt Magnus nicht alleine, es tauchen weitere legendäre und historische Persönlichkeiten auf. Erzähl mal, was machen diese, kennen die sich?
Das ist aber eine umfangreiche Frage.
Nach der Magnus-Legende folgte Magnus dem Gallus nach, dem Klostergründer des Klosters in St. Gallen. Im Roman ist das auch so, Gallus ist zu diesem Zeitpunkt aber schon verstorben. Hier wird Magnus von seinen Freunden und Klosterbrüdern Equonus, Thuxio und Theodor begleitet. Die Geschichte spielt um 800, diese Figuren kennen sich dann auch. Aber das ist alles Legende: Theodor z.B. wird im Roman einen Sohn bekommen, Audogar, der im Jahr 752 das Kloster Kempten gründen und dessen erster Abt werden wird, was wiederum historisch ist. Wiggo trifft Magnus in Kempten. Historisch wird er später der erste gesicherte Augsburger Bischof, aber erst, nachdem er, und nun wieder Roman, seine Zweifel und Traumata überwinden und zu Gott finden muss.
Die Ritter des mittelalterlichen Teils des Romans sind größtenteils, soweit ich Informationen gefunden habe, zumindest historisch erwähnt, ob es aber Kreuzritter waren, weiß ich nicht, das ist erfunden. Die Namen der Obergünzburger Bauern sind alle in der Chronik erwähnt. Die berühmteren Figuren, wie Sebastian von Breitenstein, sind klar gesichert, deren Rolle im Roman ist aber weitgehend Fantasie.
Wie kann man sich in die Figuren versetzen und ihnen folgen?
Mir war es wichtig zu beschreiben, was in den Leuten so vorging, das hat mich oft vor Probleme beim Schreiben gestellt, denn je mehr ich mich mit dem Innenleben beschäftigt habe, desto langsamer ging es mit der eigentlichen Geschichte voran.
Oft wusste ich zu Beginn des Schreibens eines Kapitels nicht so genau, wo es in einer Szene hingehen soll, doch dann entstand, entblätterte sich die Geschichte während des Schreibens. Das klingt zwar ein bisschen esoterisch, aber es sind die Textstellen, die für mich am intensivsten sind und bei denen ich beim Lesen bis heute noch Gänsehaut bekomme.
Wie kommt man aus so einem Prozess wieder raus?
Das ging zum Glück schnell, der Flow versiegt irgendwann und dazu kam, dass ich mich nicht so lange auf das Innenleben der Fieslinge und Bösewichte einlassen wollte.
Also, in Muetes dreht sich viel um den Magnusstab. Das ist eine heilige Reliquie. Aber Reliquien wurden auch den Kreuzrittern zum Schutz gegen die Ungläubigen überreicht. Hat das geholfen?
In der Geschichte bekommen die Kreuzritter - alle aus dem Allgäu - die Reliquien der heiligen Margarete zur Aufbewahrung. Margarete ist eine der 14 Nothelfer. Und hatte auch eine tragische Geschichte. Sie widerstand einem mächtigen Mann der sie unbarmherzig verfolgte und einsperrte. Margarete hatte im Kerker Visionen von Drachen aber auch von Gott und sollte schließlich verbrannt werden. Das Feuer konnte ihr aber nichts anhaben, und so kamen viele der Zuschauenden zum Glauben. Die Kreuzritter kommen auf ihrem Feldzug gegen die Ungläubigen in eine Situation, wo sie in eine Falle rennen. Stroh und Öl ist verteilt, wird auf dem Schlachtfeld angezündet, und alles verbrennt. Nur die Ritter nicht, da sie die Reliquien bei sich tragen. Sie bleiben unversehrt. Ja, die Reliquien helfen.
Bei welchem Ereignis der Geschichte wärest Du gerne dabei gewesen?
Aus den 700 Seiten? Hm, die Bauernkriege wären mir zu gefährlich gewesen. Vielleicht eher zusammen mit Magnus unterwegs. Zu der Zeit war es spannender oder fantastischer, auf jeden Fall abenteuerlicher.
Hast Du beim Schreiben Erfahrungen gemacht, die nachhaltig mitschwingen?
Meine Leseerfahrung hat sich danach total geändert. Muetes ist ja auch ein Krimi, es beginnt alles mit einem geheimnisvollen Mordfall. Gerade Krimis lese ich heute mit einem ganz anderen Blick.
Erkennst Du Dich oder Leute aus Deiner Heimat in den Figuren von Muetes wieder?
Nein, ich habe auch niemanden aus der Verwandtschaft oder dem Freundeskreis als Vorbild geholt. Es sind historische Figuren mit eher sparsamen Beschreibungen wie sie genau aussehen. Das lässt den Lesern mehr Raum. Ich bin da ganz unvoreingenommen vorgegangen.
Über welchen Ritter könntest Du ohne jede Vorbereitung einen Vortrag halten?
Über den ich am meisten geschrieben habe: Magnus. Es gibt viele Geschichten über ihn, und er spielt eine große Rolle. Den nehme ich.
So einen umfangreichen Roman zu schreiben bedarf vieler Recherche. Bist Du an historische Orte gegangen, die es heute noch gibt?
Ich war viel und weit im Allgäu unterwegs. Viele Orte die es im Buch gibt, gibt es noch, doch viele haben sich verändert oder sind verschwunden, so wie das Schloss Liebenthann. Die Höhle, in der Magnus die Kemptner Bevölkerung vorfindet, gibt es nicht. Trotz einiger Recherche.
Da gab es sicher viel zu entdecken, was nicht in Geschichtsbüchern steht. Möchtest Du mit Deinem Buch eine andere Sicht auf die Geschichte vermitteln? Was ist Dir an Muetes besonders wichtig?
Es ist eine Geschichte, wie sie sich hätte abspielen können. Die Legenden gibt es und wenn manche in den Chroniken und Sagen nur eine kurze Episode sind, in dem neuen Kontext ergeben sie auf einmal Sinn.
Die Namen, und mehr gibt es oft auch von den Figuren historisch nicht, werden Menschen. Menschen, die z.B. Ängste und Zweifel haben. Und damit Themen, die uns heute immer noch bewegen. Letztlich geht es immer darum, herauszufinden, was hinter den Dingen steckt. Ich finde es schön, hinter allem ein Geheimnis zu wittern. Und wenn es ein fantastisches Geheimnis ist, umso besser.
Und welchen Rat gibst Du den Lesern mit?
Hm, die Leser müssen ein bisschen tapfer sein, weil es viele Figuren und Handlungsstränge gibt, die sich aber doch auch über die Zeit treffen und zusammenhängen. Es lohnt sich zu lesen. Die meisten Kapitel sind ja nicht so lang und schnell zu lesen.
Mit welchem Rat könnte man die Norddeutsche Leserschaft aufmuntern, Muetes zu lesen?
Nun, es sind Sagen und Legenden in einen Roman gepackt worden. Das gibt es überall und so eine Geschichte könnte es mit anderem Hintergrund und anderen Namen auch im Norden geben. Also, sich nicht zu sehr auf das Allgäu fixieren, auch wenn Magnus dort mit seinem Magnusstab sich und das Leben anderer verteidigt.
Das Buch Muetes ist im Selbstverlag erschienen und im Buchhandel wie auch im Internet über Bücherportale zu beziehen.
Lieber Autor Christoph Geiger, danke sehr, dass Du uns regionale Geschichte so anschaulich vermittelst. Im Allgemeinen wird im schönen Allgäu Urlaub gemacht, aber das kann man nun mit Muetes noch intensiver erforschen und erleben. Vielen Dank für das Gespräch.
©Steffi.M.Black 2026 (Text)
©Bild-Buchcover C.P.Geiger